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Meine Rede bei der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht 9./10. November 1938 der Stadt Essen in der Alten Synagoge am 10.11.19

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Kufen,

sehr geehrte Frau Superintendantin Grewe,

sehr geehrter Herr Schneider- Stengel,

sehr geehrter Herr Dekan Schmidt,

sehr geehrter Herr Kaufmann,

sehr geehrter Herr Rabbiner,

sehr geehrte Nachkommen der Familie Bachmayer,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

vor ungefähr einigen Monaten bekam ich von Herrn Kaufmann die Anfrage, hier vor ihnen reden zu können und ich fühle mich sehr geehrt darüber, an diesem Tag und vor allem zu dieser Gedenkveranstaltung einen Vortrag halten zu können, der meine Arbeit gegen Antisemitismus im Fokus haben soll, aber den ich auch verstehe als Impulsgeber für eine neue Auseinandersetzung mit der Shoa sowie mit gegenwärtigen Phänomenen des Antisemitismus, wie wir sie zuletzt in ihrer gewaltigen Brutalität in Halle oder in alltäglicherer Form in einem Fitnessstudio in Freiburg vor wenigen Tagen sehen konnten.

Als ich angefangen habe meinen Vortrag zu konzipieren, habe ich mich erst einmal gefragt, welche geschichtlichen Verbindungen in Bezug auf die Shoa und den Nationalsozialismus es zwischen Duisburg und Essen gibt und ich bin in einer kurzen zweistündigen Anrecherche auf einige Erkenntnisse gekommen. In meiner Suche nach Verfolgten und Ermordeten in Essen bin ich auf mehrere jüdische Biografien gestoßen, die von Duisburg nach Essen umgezogen sind und umgekehrt. Vor allem im Duisburger Norden, dort wo ich aufwuchs im Stadtteil Obermarxloh, bin ich auf eine Biografie aufmerksam geworden mit dem Namen Erich Brandt.

Erich Brandt war ein Kaufmann und ist 1912 von Essen nach Duisburg umgezogen und betrieb anschließend im Stadtteil Marxloh ein Kaufhaus namens Brandt & Co. Er hat als jüdischer Deutscher am ersten Weltkrieg teilgenommen und verkaufte in seinem Laden u.a. Damen- und Herrenartikel sowie Teppiche und Gardinen. Nachdem die Nazis die Verfolgung von Minderheiten verschärften und schon im März 1933 zwei Juden durch Marxloh getrieben wurden, entschließt sich Brandt mit seiner Familie am 10. November 1938 nach Köln zu fliehen. Einen Tag später, am 11. November, an dem Tag an dem ich auch zufällig Geburtstag habe, wird in den frühen Morgenstunden Feuer gelegt, sowohl in Erich Brandts Kaufhaus als auch in seiner Wohnung. Das Hauptziel des antisemitischen Mobs war der Gebetsraum der jüdischen Gemeinde, der sich in der Nähe des Ladens befand. Die Flucht nach Köln mit seiner Familie ist der letzte Eintrag im Band der Duisburger Forschungen zu Duisburger Jüdinnen und Juden. Ich fand keine weiteren Eintragungen mehr in diesem Band, obwohl mich diese Biografie sehr bewegte und ich mich fragte, was aus Erich Brandt und seiner Familie geworden ist, ob sie in Köln verfolgt wurden oder am Ende doch den nationalsozialistischen Terror überlebt haben. Meine letztere Hoffnung wurde dann aber enttäuscht, da ich im digitalen Gedenkbuch des Bundesarchivs herausfand, dass Erich Brandt im September 1942 im Vernichtungslager in Kulmhof für tot erklärt wurde. Der Duisburger und vorherige Essener wurde im Oktober 1941 von Köln in dieses Lager deportiert.

Heute wie damals ist die Weseler Straße, auf der Brandt bei der Hausnummer 48 sein Geschäft hatte, die Hauptschlagader von Duisburg- Marxloh. Vielen ist diese Straße heute als „Brautmodenmeile“ bekannt und heute ist dort, wo das Geschäft Brandt & Co. war, ein Möbelgeschäft eines türkeistämmigen Besitzers, den ich in den nächsten Wochen auf jeden Fall besuchen möchte, um ihm diese Geschichte zu erzählen.

In meiner Anrecherche stieß ich aber ebenfalls auf jemanden, der in der Duisburger Geschichte nicht unbekannt ist, nämlich Hermann Freytag, der von 1937 bis 1945 der Oberbürgermeister in Duisburg war. Davor lebte Freytag allerdings in Essen und übernahm 1933 die Funktionen des Kreisleiters der NSDAP und des Fraktionsvorsitzenden in der Stadtverordnetenversammlung. Zwischen März und Juni 1933 unternahm er mit Parteigenossen bewaffnete Angriffe auf die Redaktionen der zentrumsnahen Essener Volkszeitung und der SPD Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung. Seine Zeit als Oberbürgermeister von Duisburg endet mit der Besatzung US- amerikanischer Truppen und im Juni 1950 wird er vom Schwurgericht Essen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer Gefängnisstrafe von 15 Monaten verurteilt. Bis zu seinem Tod 1962 arbeitet Freytag als Angestellter in der Duisburger Filiale eines süddeutschen Ladenbau- Unternehmens. Wie Sie ahnen können, meine Damen und Herren, eine nicht unwichtige Duisburger und Essener Persönlichkeit während des Nationalsozialismus, in der biografische Stationen in beiden Städten zu sehen sind.

Diese Form der Recherche von Biografien sind nicht nur Teil meines persönlichen Interesses an Geschichte, sondern auch Teil des Projektes Junge Muslime in Auschwitz, das ich seit sieben Jahren in Duisburg leite. Die Auseinandersetzung mit Auschwitz und lokalen Verflechtungen spielt dabei einen erheblichen Teil des Verständnisses bzw. dem Versuch eines Verständnisses dieses unvorstellbaren Verbrechens. In diesem Projekt organisiere ich jedes Jahr für zehn Jugendliche eine Gedenkstättenfahrt nach Polen, mit einer drei monatigen Vorbereitung und einer einjährigen Nachbereitung in einem Theaterprojekt, um all die Erlebnisse und Gefühle der Jugendlichen in einem künstlerischen Prozess zu verarbeiten. Im aktuellen Stück „Benjamin und Muhammed“, das wir morgen zum 10. Mal dieses Jahr aufführen werden, geht es um zwei beste Freunde, die durch dick und dünn gehen, allerdings immer wieder damit konfrontiert sind, wie Benjamin auf der Arbeit oder an einer Bushaltestelle antisemitische Beleidigungen und Gewalt erleben muss. Die Teilnehmenden, die mehrheitlich muslimisch sind, aber vor allen Dingen Deutsche, haben dabei oft mal zwei Motivationen um im Projekt mitzumachen. Auf der einen Seite wollen sie etwas gegen den wachsenden Antisemitismus in unserer Gesellschaft tun und insbesondere in ihrem eigenen Umfeld, ob im Freundeskreis oder in der Familie, aber auf der anderen Seite sind sie selbst oft von Rassismus betroffen. Für diese Betroffenheit wollen wir jungen Menschen einen Raum geben, denn Rassismus macht einen häufig sprachlos und stumm und genau diese Sprachlosigkeit wollen wir brechen. Wir wollen Worte finden für unsere eigenen Erfahrungen und in Form des Theaterspielens uns selbst ermächtigen. Dieses Projekt hat zum Ziel, den Opfern der Shoa zu gedenken und ein kritisches Geschichtsbewusstsein bei jungen Leuten zu fördern.  Im Gedenken an die Opfer steht für uns die Würde des Menschen im Vordergrund. Wir wollen im Gedenken an die Opfer Menschen einen Teil ihrer Würde wieder zurückgeben, die man ihnen vorher auf mörderische Art und Weise genommen hat.

Als ich 2012 dieses Projekt mit auf die Beine gestellt habe, musste ich mir Sprüche anhören wie „Das braucht doch heutzutage kein Mensch mehr!“ oder so Sprüche wie „Seit wann interessieren sich Muslime für den Holocaust?“ Diese Sprüche, die ich von vielen Seiten zu hören bekam, die haben mich natürlich getroffen, aber sie haben mich auch motiviert, diese Fahrten erst recht zu gestalten. Vor allem in einer Gesellschaft, in der 80 Jahre nach der Shoa immer noch jede jüdische Einrichtung von der Polizei beschützt wird oder beschützt werden muss. Mir war von vornherein klar: In Deutschland gibt es kein Ende des Erinnerns und Antisemitismus soll auch in der in Migrationsgesellschaft keinen Platz haben.

Ich möchte ihnen an dieser Stelle von zwei Schlüsselmomenten erzählen, die mich dazu motiviert haben, diese Arbeit zu machen. Dazu müssen wir zurück ins Jahr 2009, als ich an einem Samstag in einem Container Jugendzentrum arbeitete und erstaunlich wenig Jugendliche im Haus waren.

Ich sitze an einem Samstag Nachmittag mit meinem Arbeitskollegen im Jugendzentrum und komischerweise ist es heute leer, obwohl der Samstag immer der Tag ist, an dem am meisten los ist. Doch heute ist niemand da und mit meinem Arbeitskollegen erledigen wir Dinge für die kommende Woche, als einige Jugendliche ins Jugendzentrum kommen. Wir fragen nach, wo der Rest der Gruppe ist und einer sagt „Die sind auf dieser Demo in der Stadt!“. Ich ärgere mich innerlich darüber, denn diese Demo wird von türkischen Islamisten und Nationalisten organisiert. Eine der Organisationen ist bekannt dafür, dass sie Spendengelder für die terroristische Hamas im Gazastreifen sammelt. Mein Arbeitskollege ahnt ebenfalls nichts Gutes und wir überlegen, wie wir dieses Thema ansprechen können, wenn die Jugendlichen in der nächsten Woche wieder ins Jugendzentrum kommen.

Solange müssen wir aber nicht warten, denn circa eine Stunde nach unseren Befürchtungen sind mein Arbeitskollege und ich an der Theke im Container Jugendzentrum. Schlagartig wird gegen die Tür getreten, die Tür knallt gegen die Wand, vier Jungs kommen in den Raum gestürmt, stellen sich in einer Reihe hin, heben ihre rechten Arme und rufen: „Heil Hitler!“ Ich habe das Gefühl, dass für fünf Sekunden die Welt stehen bleibt und habe diese vier Jungs vor Augen, die immer noch ihre rechten Arme gehoben haben. Es ergreift mich eine ungeheure Wut und ich fange an, die Jungs anzuschreien und schmeisse alle vier Jungs mit meinem Arbeitskollegen aus dem Jugendzentrum raus. Die rausgeschmissenen Jungs laufen auf die Straße, sie drehen sich um und rufen noch ein „Hitler war der beste“ hinterher.

„Wir sind Antisemiten, da kannst du nichts dran ändern!“, sagt einer von ihnen so, als wäre er stolz darauf, ein Antisemit zu sein. Besonders dieser letzte Satz, dieses „Da kannst du nichts dran ändern!“ bohrte sich in meinen Kopf. Das war für mich der Moment, wo ich mir innerlich dachte: Doch, ich werde da was dran ändern. Ich akzeptiere es nicht, wenn es in meinem Umfeld Menschen mit diesen Einstellungen gibt und ich werde diesem Hass etwas entgegenstellen.

Ich kannte diesen Judenhass nämlich aus meiner Kindheit. Es gab einige Koranschulen in Duisburg, die Juden zu unseren Feinden erklärten und ich wuchs auf mit der Drohgebärde: „Wer zweifelt, lässt den Teufel in seine Seele hinein.“  Es gab Fernsehsendungen und Talkrunden, in denen Juden so dargestellt wurden, dass sie hinter allem Übel stehen. Es gab aber auch eine schweigende Mehrheit unter uns Muslimen, die sich nicht laut positioniert hat. Diese schweigende Mehrheit gab es auch an diesem Tag im Jugendzentrum und in den darauffolgenden Wochen und ich habe gemerkt, dass die Mehrheit diesen Judenhass furchtbar findet und nicht ertragen kann, aber es hat ihnen an Argumenten und an Haltung gefehlt. Sich gegen Judenhass zu positionieren hat ihren Status in der Gruppe in Frage gestellt und häufig kam dann als Reaktion, dass man lieber gar nichts sagt und sich seinen Teil denkt, anstatt etwas zu sagen und dafür angegriffen zu werden. Die Antisemiten waren lauter als diese Mehrheit.

Das war der erste Schlüsselmoment, in dem ich mich dafür entschieden habe, den Kampf gegen Antisemitismus nicht nur individuell zu bekämpfen, sondern Strukturen zu schaffen, wo der Kampf gegen Antisemitismus einen festen Platz hat. Auch, wenn es erstmal nur im Jugendzentrum war. Ich wollte nicht nur Jugendliche mit antisemitischen Einstellungen erreichen, sondern insbesondere diejenigen stärken, die zwischen den Stühlen sitzen oder sich nicht trauen, ihre demokratische Meinung laut zu sagen.

In den darauffolgenden Wochen und Monaten war Antisemitismus ein Dauerthema und ich habe mit vielen Gruppen über das Thema Identität und Feindbilder reflektiert. Zwei Jahre darauf hatte ich eine Gruppe deutsch- muslimischer Jugendlicher, die ein enormes Interesse an Geschichte und Politik hatte. Als eines Tages mehrere Jugendliche zu mir kamen und von Seiten ihrer Lehrkräfte von Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz ausgeschlossen wurden, weil man ihnen als Muslime unterstellt hat, sie könnten sich in einer Gedenkstätte antisemitisch verhalten, fiel folgender Satz. Der Jugendliche, der unbedingt an der Gedenkstättenfahrt teilnehmen wollte, musste sich von seiner Lehrerin anhören, dass sie keine Lust hat auf antisemitische Sprüche von ihm in einer Gedenkstätte. Aufgrund der palästinensischen Herkunft seiner Eltern traute sie diesem Jungen nicht zu, dass er in der Lage ist Empathie zu empfinden. Dass eine solche Unterstellung der Grund dafür sein soll, jungen Menschen den Zugang zu Bildung und zur Geschichte zu verweigern, schockierte mich zutiefst.

Dieses Gespräch hat mich wochenlang gequält. Es hat eine Welle an Fragen und auch viel Wut in mir ausgelöst. In langen Monologen und Selbstgesprächen dachte mir: Wie kann das sein, dass die Geschichte des Nationalsozialismus nicht alle im Klassenzimmer erreicht? Den muslimischen Schüler*innen wird unterstellt, dass sie antisemitische Einstellungen haben. Was heißt das im Umkehrschluss? Dass die Mehrheitsgesellschaft frei von jedem Judenhass ist? Wie kann das sein, dass dieses singuläre Menschheitsverbrechen so vermittelt wird, dass sich nur diejenigen angesprochen fühlen, deren Großeltern diese Zeit miterlebt haben? Dürfen wir Deutschen mit Migrationsgeschichte nicht mitreden, wenn es um Rassismus und Antisemitismus geht? Kann man überhaupt ein Wir Gefühl entwickeln, wenn man Minderheiten das Gefühl gibt, dass sie das Problem sind? Und vor allem: Geht Auschwitz uns alle nicht etwas an?

Nach diesem Gespräch war mir wichtig, ein Angebot zu schaffen, wo genau diese Fragen thematisiert werden. Ich habe weiterhin gemerkt, dass der Geschichtsunterricht an unseren Schulen und unsere Erinnerungskultur viele Menschen mit Migrationsgeschichte nicht anspricht, weil der Unterricht konzipiert ist für Menschen, die Christian oder Sabrina mit Vornamen heißen. In der 12. Klasse hatte ich als damaliger Schüler ein Geschichtsbuch, das circa 300 Seiten hatte. Auf diesen 300 Seiten gab es nur eine einzige Seite, die die Arbeitsmigration der Gastarbeiter thematisierte. Die Migration der Gastarbeiter, zu denen auch mein Opa gehörte, der 1963 nach Deutschland kam und erstmal in Essen- Kray lebte, die Migration dieser Gastarbeiter nur auf eine Seite zu bringen, obwohl gerade die Gastarbeiter unseren Ruhrpott mitgeprägt haben, brachte mich zu einem tiefen Zweifel. Ich habe mir die Frage gestellt, wo eigentlich meine Geschichte abgebildet wird und ob es gewollt ist, dass meine Geschichte zu diesem Land gehören soll oder nicht. In diesem Zusammenhang, als ich dann im Jahr 2012 die erste Fahrt nach Auschwitz organisierte, brachte einer der Teilnehmenden ähnliche Zweifel mit. In einer Diskussion über Deutschsein berichtete er, dass er nicht nur Libanese ist, sondern sich selbst auch als Deutschen sieht und empfindet. Allerdings hatte er oft das Gefühl, dass andere ihn immer nur als Fremden oder als Ausländer sehen und irgendwann stellte er mir die Frage: „Wieso soll ich mich eigentlich für Deutsche Geschichte interessieren, wenn mir meine Lehrerinnern und Lehrer immer wieder das Gefühl geben, dass ich gar kein richtiger Deutscher sei?“ Das soll an dieser Stelle keine Ausrede sein, um dem Geschichtsunterricht fern zu bleiben, aber es macht eins sichtbar: Nämlich dass wir in diesem Land immer noch Menschen als Nichtdeutsche wahrnehmen, obwohl sie einen deutschen Pass haben, obwohl Deutschland ihre Heimat ist und obwohl sie als Deutsche akzeptiert werden wollen. Nach über 50 Jahren Einwanderungsgeschichte haben wir es in Deutschland immer noch nicht geschafft, Deutschsein jenseits einer gemeinsamen Abstammungsfantasie neu und inklusiv zu definieren.

Diese beiden Schlüsselmomente, meine Damen und Herren, waren mit der Grund dafür, dass ich mich dafür entschieden habe, den Kampf gegen Antisemitismus nun mit Energie und Leidenschaft anzugehen. Doch das erste Gedenkstättenprojekt 2012 sollte eigentlich eine einmalige Sache werden. Ich dachte, dass es gut sein würde, mit Jugendlichen dorthin zu fahren und sie für das Thema Antisemitismus zu sensibilisieren, aber die erste Fahrt war eine so große Herausforderung und sie war zu großen Teilen auch so verstörend, dass ich diese Fahrt noch bis heute versuche zu rekonstruieren.

Ich fuhr mit deutsch- muslimischen Jugendlichen am 8. November 2012 los, von denen die Hälfte palästinensischstämmig war. Schon in der Vorbereitung merkte ich, dass der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern diese Fahrt so dermaßen überlagert, dass mir ein Sprechen über die Shoa unmöglich schien.  Nach anfänglichen Schwierigkeiten und auch Streitereien öffnete sich für viele Teilnehmende ein neues Fenster, denn sie hatten im Projekt auch die Chance, das erste Mal ihre eigene Biografie und die vererbten Gefühle ihrer Eltern kritisch zu reflektieren. In der Gedenkstätte in Auschwitz haben sich diese Jugendlichen sehr respektvoll verhalten, doch am 1. Tag, als wir im Stammlager I waren, passierte etwas, das ich selbst nicht für möglich hielt, obwohl ich jede Option in meinem Kopf durchging, was in dieser Gedenkstätte alles passieren könnte. Dass wir aber in der Gedenkstätte auf hunderte Israelis treffen, gerade diese Option ging mir seltsamerweise nicht einmal durch den Kopf.

Einer der palästinensischstämmigen Jugendlichen war total irritiert. Er wusste gar nicht, wie er sich verhalten soll und er kam zu mir und sagte: „Burak, ich bin hier als Deutscher und als Palästinenser. Das muss für die Israelis die schlimmste Mischung sein an diesem Ort.“  Es gab selten einen Moment in meinem Leben, in dem ich so nervös und so angespannt war, denn ich wusste auch gar nicht, wie die Israelis auf uns reagieren könnten. Doch als wir dann wenige Meter vor Block 11, dem sogenannten Todesblock standen, kamen einige unserer Jugendlichen mit einer israelischen Frauengruppe ins Gespräch und die Jugendlichen haben den Frauen, die ihre Großeltern beweinten, ihr Mitgefühl und ihre Anteilnahme ausgesprochen. Als wir dann später die Gedenkstätte verließen, sagte einer der Jugendlichen: „Das ist total paradox, dass ich in Auschwitz das erste Mal Israelis kennenlerne und mit ihnen ins Gespräch komme.“ Auf einmal wird dieser Friedhof zu einem Ort der Begegnung und gerade hier habe ich mir selbst die Frage gestellt, warum diese Begegnung erst hier stattfindet und nicht schon vorher. Die persönliche Betroffenheit der Israelis zu sehen, wie sie ihre Verwandten und ihre Familienangehörigen betrauen und beweinen, machte uns das erste Mal deutlich, wie sehr diese Vernichtung und dieses Leid sich auch noch in Menschen jüngerer Generationen ausdrückt und zum Vorschein kommt. Ich habe vorher noch nie darüber nachgedacht, wie das eigentlich sein muss, die Shoa in der eigenen Familiengeschichte zu spüren. Ich habe einen großen Respekt vor Menschen, die diesen Ort besuchen, obwohl ihre eigenen Familienmitglieder dort ermordet wurden.

Zu diesem emotionalen Chaos, in dem wir uns befanden, kam am nächsten Tag auch noch etwas hinzu, was das Ganze komplett auf den Kopf stellte und wir mit einer Perspektive konfrontiert waren, die uns bis dato fremd war, obwohl wir alle in Deutschland aufwuchsen. Am nächsten Tag besuchten wir die Gedenkstätte in Birkenau, diesem riesigen Gelände mit seinen endlos erscheinenden Schotterwegen. Diesmal merkten wir, wie andere Gruppen aus Italien, Frankreich, Schweden oder auch China uns ziemlich seltsam anschauten. Israelis waren an diesem Tag kaum noch welche da und plötzlich sind wir fast die einzige Gruppe aus Deutschland, die dort ist. Unser mulmiges Bauchgefühl, das wir am Anfang nicht beschreiben konnten, wurde dann immer mehr zu einer Gewissheit. Warum die anderen Gruppen uns so komisch beäugten und zum Teil auch beobachteten, war nach einer Zeit ziemlich klar: Wir, die in Deutschland oftmals als Türken, als Araber, aber nie als Deutsche wahrgenommen werden- wir werden ausgerechnet in Auschwitz das allererste Mal in unserem Leben als Deutsche wahrgenommen! Wir werden quasi in eine Traditionslinie mit den Tätern gestellt, obwohl zu der Zeit unsere Großeltern in der Türkei, in Tunesien oder im Libanon gelebt haben. Ein Teilnehmer, dem das auch auffiel, flüsterte zu mir rüber: „Wenn die Nazis heute noch leben würden, dann würden die uns auch ermorden. Aber die anderen Gruppen sehen uns gerade als die Nachfahren der Nazis, weil wir hier deutsch sprechen und weit und breit die einzige deutsche Gruppe sind!“

Sie können sich sicherlich vorstellen, was es an diesem Abend noch für lange Gespräche und Diskussionen gab, denn wir sind mit einer Perspektive auf unsere Identität konfrontiert, die wir so noch nie erlebt haben. Viele von uns spürten das erste Mal, was diese Schuld und Scham bedeutet, weil wir diese Perspektive aus unseren eigenen Familien nicht kennen, da wir keine direkten biografischen Bezüge zur NS- Zeit haben. Nach diesem langen Tag, es war der 11. November 2012, also an dem Tag, an dem ich 25 Jahre alt wurde, beendeten wir das Ganze mit einer abschließenden Runde, in dem jeder kurz seine Gefühle und Eindrücke reflektierte. Der letzte in der Runde lockerte die ganze angespannte Stimmung nochmal auf. Er bedankte sich bei allen für diesen intensiven Tag und dass er diesen Tag nicht so einfach vergessen wird. Ganz am Ende sagte er spaßhaft und humorvoll: „So Leute, ich wurde den ganzen Tag heute als Deutscher betrachtet. Das hat mich total überfordert- ich brauche jetzt erstmal ein Bier.“

Im Laufe der letzten Jahre meiner Arbeit wurde jede Fahrt und jedes Projekt anders. Jedes Jahr mit neuen Jugendlichen, neuen Impulsen und Denkanstößen und jedes Mal habe ich gemerkt, dass Gedenkstättenfahrten zwar wichtig sind, aber dass sie im Kampf gegen Antisemitismus kein Allheilmittel sind. Der Kampf gegen Antisemitismus beginnt in allererster Linie im eigenen Kopf. Wenn dieser persönliche Bezug und diese persönliche Selbstreflexion nicht vorhanden ist, dann begreifen junge Menschen nicht, was das Thema Antisemitismus mit ihnen selbst und mit unserer heutigen Gesellschaft zu tun hat. In dieser Reflexion spielen zwei Dinge eine entscheidende Rolle: Erstens das Hinterfragen der eigenen Sozialisation und zweitens die vererbten Gefühle der eigenen Eltern und Großeltern. Wenn bei einem Workshop in einer Grundschule eine 3. Klässlerin zu mir sagt, dass sie Juden nicht mag, weil sie Jesus Christus verraten hätten, dann müssen wir kritisch hinterfragen, was man alles in der eigenen Familie erlernt und woher diese Einstellungen kommen.  Wenn ich als Schiedsrichter ein Spiel gut leite und der ca. 80 jährige Platzwart mich lobt mit den Worten: „Du warst heute super! Der Judenschiri von letzter Woche hat uns verraten!“, dann ist Antisemitismus ein generationsübergreifendes Phänomen.

Gerade bei Jugendlichen aus der Mehrheitsgesellschaft spielen die vererbten Gefühle der Eltern und Großelterngeneration eine enorme Rolle, denn Antisemitismus und Rassismus ist ein Teil des Gedächtnisses fast jeder deutschen Familie. Bei diesen Jugendlichen merke ich in der letzten Zeit, dass da ein großes Bedürfnis ist, um über die Verstrickungen der eigenen Familie zu reden. Ich merke aber auch, dass ein Teil zu einer Verdrängung und auch zu einem Vergessen neigt, obwohl sie selbst mitten im Geschehen sind und manchmal ein Blick in das Familienalbum deutlich macht,  wie nah dieses Thema am eigenen Leben ist. Und genau das, meine Damen und Herren, ist meine Aufgabe als Pädagoge. Ich möchte Antisemitismus nicht nur als historisches Phänomen behandeln und so tun, als gäbe es in Deutschland Judenhass nur zwischen 1933 und 1945. Judenhass hat nach 1945 nicht aufgehört und er ist Teil unseres kulturellen Erbes. Antisemitismus in Deutschland ist nicht tot. Er lebt. Er wird immer lauter gelebt und es liegt in unserer Hand, diesen Hass zu bekämpfen. Meine Aufgabe als Pädagoge ist es, junge Menschen beim Entdecken zu begleiten, während sie sich mit Geschichte, den vererbten Gefühlen ihrer Eltern und ihrer eigenen Sozialisation auseinandersetzen, damit sie nach dieser intensiven Auseinandersetzung nicht als gelähmt oder ohnmächtig herauskommen, sondern als kritische Individuen, die das Zweifeln und die Neugier entdecken und die verstehen und verinnerlichen, welche Verantwortung sie tragen. Die Arbeit gegen Antisemitismus muss beim Individuum ansetzen, denn eine persönliche Beziehungsarbeit ermutigt junge Menschen dabei, diese mutigen Schritte zu gehen. Wenn man diesen jungen Menschen Räume gibt für ihre inneren Konflikte, wenn man ihre Lebenswelt anerkennt und sie als Experten ihrer Lebenswelt betrachtet, dann lernen junge Menschen Demokratie, weil sie Demokratie erfahren. Jungen Menschen das Gefühl zu geben, dass sie eine Stimme haben und dass sie unsere Demokratie mitgestalten können, ist eine Form der Anerkennung und des Empowerments, die unsere Gesellschaft dringend braucht. Auch die Politik spielt hier eine entscheidende Rolle, denn der Anschlag in Halle hat die jüdische community zutiefst verängstigt. Die Politik muss jetzt handeln und aktiv werden, damit die Zukunft der deutschen Jüdinnen und Juden in unserem Land keine Utopie wird.

Und ich möchte an dieser Stelle und abschließend noch mal den jungen Menschen in diesem Raum folgendes sagen: Wenn ihr eine Idee habt, egal wie verrückt sie auch für andere klingen mag, wenn ihr eine Idee und eine Vision habt, dann hört auf eure innere Stimme und setzt diese Idee mit Leidenschaft um. Unsere Erinnerungskultur in Deutschland braucht euch! Wir brauchen junge und kritische Stimmen,  die unsere Erinnerungskultur lebendig halten und die deutlich machen, dass das Erinnern an die Shoa in Deutschland kein Ende haben wird!

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